ABC-Analyse nach Verbrauchswert mit Klassengrenzen und XYZ-Ergänzung
Bild: Lieferkettenbuch

Bestandssteuerung

Teil von Wie steuern Sie Lagerbestände zwischen Lieferfähigkeit und Kapitalbindung?

ABC-Analyse: Material nach Verbrauchswert einteilen und Entscheidungen ableiten

ABC-Analyse im Lager: Verbrauchswert berechnen, sortieren, Klassengrenzen selbst wählen und daraus klare Steuerungsregeln je Klasse ableiten.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Die ABC-Analyse ordnet Materialarten nach ihrem Verbrauchswert, nicht nach ihrem Bestandswert.
  • Die Klassengrenzen wählen Sie selbst; verbreitet, aber nicht zwingend sind Schnitte bei 80 und 95 Prozent.
  • Ein niedriger Verbrauchswert sagt nichts über die Ausfallkritik eines Artikels aus.
  • Die Nachfragekonstanz prüfen Sie getrennt, zum Beispiel mit einer XYZ-Analyse.

Verbrauchswert berechnen und sortieren

Grundlage ist der Verbrauchswert je Materialart. Nach der klassischen Definition von Hans-Ulrich Küpper ergibt er sich als Produkt aus verbrauchter Menge und Einstandspreis in einer vergangenen oder geplanten Periode (Verbrauchswert als Menge mal Einstandspreis). Einheitlichkeit ist wichtiger als Perfektion: gleicher Zeitraum, gleiche Preisbasis.

Balkendiagramm der Verbrauchswerte von M1 bis M5 (>-)
Die sortierten Verbrauchswerte zeigen, welche Materialien den größten Anteil am Gesamtwert von 10.000 Euro ausmachen. Image: Lieferkettenbuch

Die folgende Tabelle ist ein reines Rechenbeispiel mit frei gewählten Annahmen, keine Marktbeobachtung.

MaterialMengePreisVerbrauchswertKumuliert
M110050 €5.000 €50,0 %
M220010 €2.000 €70,0 %
M31508 €1.200 €82,0 %
M44003 €1.200 €94,0 %
M53002 €600 €100,0 %

Gesamtverbrauchswert 10.000 €. Sortiert nach Wert erreichen die ersten zwei Positionen 70 Prozent, die ersten vier 94 Prozent. Damit lässt sich jede Klasse nachvollziehbar begründen.

Grenzen zwischen Klassen bewusst wählen

Küpper schreibt ausdrücklich, dass Zahl und Abgrenzung der Klassen willkürlich gewählt werden; eine Unterteilung bei 80 und 95 Prozent sei verbreitet, aber nicht notwendig (Klassengrenzen werden willkürlich gewählt). Exakt 80 Prozent treffen im Beispiel keinen Artikel genau. Legen Sie deshalb fest, wie mit Grenzfällen umgegangen wird, etwa M3 als Grenzartikel zwischen B und C oder M4 als Sonderfall wegen hoher Stückzahl bei niedrigem Wert.

Dokumentieren Sie diese Regel schriftlich. Sie ersetzt pauschale Prozentwerte und macht die Einteilung über Perioden hinweg vergleichbar. Eine rein wertbasierte Sicht bleibt aber lückenhaft: Ein Cent-Artikel kann die Linie stoppen.

Steuerungsregeln je Klasse ableiten

Küpper ordnet den Klassen unterschiedlich intensive Aktivitäten zu: A-Material wird sehr genau geplant und laufend überwacht, B-Material mittel, C-Material deutlich grober. Auch das stammt aus einem Fachtext von 1984 und ist eine Planungsheuristik, keine aktuelle Norm. Die damalige Aussage, bei C-Gütern sei keine genaue Lagerbestandsführung nötig, sollten Sie deshalb nicht als heutige Best Practice oder Freigabe lesen.

Vergleichstabelle der Steuerungsregeln für A-, B- und C-Artikel (>-)
Die Tabelle fasst zusammen, wie Planung, Überwachung und Bestellpraxis je Klasse abgestuft werden. Image: Lieferkettenbuch

Praktisch sinnvoll:

A-Artikel
engmaschige Bedarfsplanung, definierte Höchstbestände, regelmäßige Kontrolle.
B-Artikel
feste Prüfroutine mit größeren Intervallen.
C-Artikel
vereinfachte Disposition, gebündelte Bestellungen.
Sammelposten
viele kleine Positionen zusammenfassen statt einzeln pflegen.

Kritikalität als zweite Achse prüfen

Weil der Verbrauchswert nur die Wertigkeit misst, brauchen Sie ein zweites Kriterium. Die weclapp-Redaktion weist darauf hin, dass die ABC-Analyse keine Aussage über die Nachfragekonstanz trifft und deshalb in der Praxis oft um eine XYZ-Analyse ergänzt wird: X für gleichmäßigen, Y für schwankenden und Z für unregelmäßigen Verbrauch (ABC-Analyse um XYZ-Analyse ergänzen). Diese Ergänzung ist ein dokumentierter Vorschlag aus einem Anbieterblog, keine geprüfte Methode.

Für jeden Artikel notieren: Was kostet ein Ausfall pro Tag? Ist Ersatz sofort beschaffbar? Diese Antworten bestimmen den Sicherheitsbestand, unabhängig von der Klasse. Ein C-Artikel mit langer Lieferzeit kann dringlicher sein als ein A-Artikel mit Zweitlieferant.

Häufige Fragen

Muss ich die Grenzen bei 80 und 95 Prozent setzen?
Nein. Küpper nennt diese Werte nur als verbreitet, ausdrücklich nicht als notwendig. Ihre eigenen Daten und die Kritikalität bestimmen die Schnitte.
Wie oft wiederhole ich die Einteilung?
Einen festen Zeitraum gibt es nicht. Wiederholen Sie die Analyse, wenn sich Verbrauch, Preise oder Sortiment spürbar ändern. Die weclapp-Redaktion macht zur Häufigkeit der ABC-Einteilung selbst keine Vorgabe; sie weist lediglich darauf hin, dass der Verbrauchswert im Zeitverlauf variiert und deshalb Bestandsparameter wie optimaler Bestand und Bestellpunkt regelmäßig neu zu berechnen sind.
Reicht die ABC-Analyse allein?
Meist nicht. Sie sagt nichts über Bedarfsschwankungen; die XYZ-Analyse liefert diese zweite Dimension.

Mehr aus Bestandssteuerung