
Bestandssteuerung
Teil von Wie steuern Sie Lagerbestände zwischen Lieferfähigkeit und Kapitalbindung?
Meldebestand aus Verbrauch, Beschaffungszeit und Reserve berechnen
Meldebestand berechnen: Tagesverbrauch, Beschaffungszeit und Reserve auf gleiche Zeitbasis bringen, Formel anwenden, Rechenbeispiel nachvollziehen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Verbrauch und Beschaffungszeit müssen dieselbe Zeiteinheit haben, sonst ist das Ergebnis falsch.
- Die einfache Formel lautetMeldebestand = Tagesverbrauch × Beschaffungszeit + Reserve.
- Eine Durchschnittsrechnung verhindert keine Fehlbestände; Puffer und Aktualisierung bleiben nötig.
Verbrauch und Beschaffungszeit auf eine Zeitbasis bringen
Die Ausgangsformel ist knapp: Meldebestand = Tagesverbrauch × Lieferzeit + Mindestbestand. Beispielhaft nennt ein Anbieter für Lageroptimierung einen Tagesverbrauch von 10 Stück, fünf Werktage Lieferzeit und zwei Stück Mindestbestand; daraus ergeben sich 52 Stück. Diese Rechnung gilt nur, solange Tagesverbrauch und Lieferzeit tatsächlich in derselben Einheit stehen.
Wer den Monatsverbrauch kennt, aber die Lieferzeit in Werktagen, muss zuerst umrechnen. Bei rund 20 Arbeitstagen pro Monat entsprechen 400 Einheiten monatlich etwa 20 Einheiten je Arbeitstag. Diese Umrechnung über Arbeitstage ist eine eigene, transparente Annahme und darf nicht stillschweigend mit Kalendertagen gleichgesetzt werden.
In Systemen ist die Zeitbasis oft anders definiert. Beispielsweise berechnet Odoo das prognostizierte Datum als frühestmöglichen Wareneingang, wenn die Bestellung sofort ausgelöst wird, und summiert dafür die Lieferzeiten des Beschaffungsprozesses. Nachbestellt wird nur, wenn der prognostizierte Bestand am prognostizierten Datum unter den Mindestwert fällt. Das ist eine Softwarelogik, keine allgemeine Rechenvorschrift.
Praktisch heißt das: Legen Sie schriftlich fest, mit welcher Zeiteinheit Sie arbeiten, und prüfen Sie, ob Ihr ERP-System dieselbe Einheit verwendet. Ein Zeitbasen-Sprung von Werktagen auf Kalendertage verändert das Ergebnis erheblich, gerade bei längeren Beschaffungswegen.
Den Bestellpunkt mit einer bewusst gewählten Reserve rechnen
Die folgende Rechnung ist ein ausdrücklich hypothetisches Beispiel, keine empirisch belegte Empfehlung. Angenommen werden 12 Einheiten Verbrauch pro Arbeitstag, 6 Arbeitstage Beschaffungszeit und 18 Einheiten Reserve. Der Meldebestand beträgt dann 12 × 6 + 18 = 90 Einheiten.
| Bestandteil | Angenommener Wert | Rolle in der Rechnung |
|---|---|---|
| Tagesverbrauch | 12 Einheiten je Arbeitstag | bestimmt den Verbrauch während der Beschaffung |
| Beschaffungszeit | 6 Arbeitstage | Zeit bis zum Wareneingang |
| Reserve | 18 Einheiten | Puffer für Schwankungen |
| Meldebestand | 90 Einheiten | Bestellpunkt |
Wenn der frei verfügbare Bestand auf 90 Einheiten oder darunter fällt, lösen Sie die Bestellung aus. Die Reserve von 18 Einheiten deckt in diesem Beispiel eineinhalb zusätzliche Verbrauchstage ab. Ob das reicht, hängt von Streuung, Lieferzuverlässigkeit und Kritikalität des Artikels ab; die zugeordneten Quellen liefern dafür keinen universellen Richtwert.
Warum Durchschnittswerte keine Fehlbestände verhindern
Ein konstanter Durchschnittsverbrauch ist eine Vereinfachung. Verbrauchswerte schwanken, und auch die Wiederbeschaffungszeit kann sich ändern. Deshalb ist es notwendig, Bestellpunkt und Bestand regelmäßig neu zu berechnen, etwa wöchentlich oder monatlich; ERP-Systeme können diese Berechnung teilautomatisch unterstützen.
Auch die Software-Logik selbst schützt nicht vollständig. Odoo weist bei der Just-in-Time-Logik darauf hin, dass es riskant sein kann, Bestellungen exakt zum letzten möglichen Zeitpunkt auszulösen, und empfiehlt, Pufferzeit hinzuzufügen oder Lieferzeiten anzupassen.
Prüfen Sie deshalb regelmäßig:
- Wie stark schwankt der tatsächliche Verbrauch je Tag oder Woche?
- Wie oft kam die Lieferung später als geplant?
- Wie viel Reserve ist zusätzlich zur Reichweite vorhanden?
- Wann wurden die hinterlegten Lieferzeiten zuletzt geprüft?
- Reagiert die Disposition bei neuen Lieferzeiten rechtzeitig?
Grenzen der Durchschnittsrechnung
Die Formel liefert einen Ausgangswert, keine Garantie. Sie unterstellt gleichmäßigen Verbrauch und stabile Lieferzeiten, zwei Annahmen, die in der Praxis oft nicht zutreffen. Die konkrete Höhe der Reserve und der Beschaffungszeit muss jedes Unternehmen aus eigenen Daten bestimmen.
Saisonalität, Streuung und ein gewünschter Servicegrad sind mit dieser einfachen Rechnung nicht abgebildet. Wer bei kritischen Artikeln sicher planen will, muss die Verbrauchsdaten über mehrere Perioden auswerten und die Reserve begründet wählen, statt sie pauschal anzusetzen.



