Karte zur Bewertung von Lieferantenrisiken im Beschaffungsnetz
Bild: Lieferkettenbuch

Lieferantennetze

Wie bewerten Sie Lieferantenrisiken im Beschaffungsnetz?

Lieferantenrisiko bewerten: Standorte abgrenzen, Signale von Prognosen trennen, ein Bewertungsraster mit Schwellenwerten und klaren Eskalationsmaßnahmen aufbauen.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Trennen Sie Beobachtungen von PrognosenDie BME-Logistikumfrage 2020 zeigt, dass viele genannte Frühwarnindikatoren erst ex-post auf ein bereits realisiertes Risiko hinweisen.
  • Der Fokus vieler Unternehmen liegt auf der ersten Lieferantenstufe; die zweite Stufe und die Kundenseite werden seltener erfasst, was gemeinsame Abhängigkeiten verdeckt.
  • Ein Bewertungsraster mit Standort, vorgelagerter Abhängigkeit, Auswirkung, Belegkonfidenz, Verantwortlichem und Aktion macht Schwellenwerte und Eskalation nachvollziehbar.
  • Legen Sie die Prüffrequenz bewusst fest; sie ist eine Abwägung zwischen früher Erkennung und Verwaltungsaufwand, keine allgemein vorgeschriebene Frist.

Die Frage, wie Sie ein Lieferantenrisiko früh genug erkennen, führt zuerst zur Ausgangslage: Welche Standorte und welche vorgelagerten Stufen hängen tatsächlich an diesem Lieferanten? Erst wenn das Netz abgegrenzt ist, lassen sich Signale einordnen, Auswirkungen bewerten und Alternativen frühzeitig aufbauen. Die anschließende Bewertung ist kein einmaliger Test, sondern ein wiederkehrender Prozess mit klaren Schwellenwerten, Verantwortlichen und dokumentierten Maßnahmen.

Das Liefernetz und seine Standorte abgrenzen

Beginnen Sie mit einer einfachen Frage: An welchen Standorten wird die Leistung tatsächlich erbracht, und welche Vorstufen hängen daran? Das Fraunhofer IIS Supply Chain Services beschreibt als Methode, Supply-Chain-Risiken zu bewerten, globale Lieferketten mit Geodaten und Satellitenbildern zu kartieren und interne mit externen Datenquellen zu verknüpfen, um Risiken entlang der Lieferkette zu verorten. Für ein kleines Beschaffungsnetz reicht oft eine Landkarte in Tabellenform, die Produktionsstandort, Lagerort und logistische Route des Lieferanten festhält.

Checkliste zur Kartierung von Lieferstandorten, Routen und Vorstufen (Wie bewerten Sie Lieferantenrisiken im Beschaffungsnetz?)
Diese Punkte machen gemeinsame Abhängigkeiten im Beschaffungsnetz sichtbar. Image: Lieferkettenbuch

Erst dann werden gemeinsame Abhängigkeiten sichtbar. Zwei Lieferanten mit unterschiedlichem Namen können dieselbe Vorstufe oder denselben Hafen nutzen. Die BME-Logistikumfrage 2020 stellt fest, dass Risiken einerseits auf der Lieferantenseite entstehen und sich durch die Kette weiterentwickeln können, andererseits aber auch Risiken bei Endkunden zu Problemen in der vorgelagerten Kette führen. Ein Risikomanagement sollte deshalb möglichst die gesamte Kette betrachten.

Praktisch heißt das: Zeichnen Sie für jeden kritischen Lieferanten die Kette bis zur Rohstoff- oder Vorproduktstufe auf, soweit Sie sie kennen. Markieren Sie jede Stelle, an der Sie die Information nur vermuten. Diese Markierung ist die wichtigste Spalte Ihres späteren Rasters, denn sie steuert, wie stark Sie sich auf ein Signal verlassen dürfen.

Beobachtungen von Prognosen trennen

Die zentrale Unterscheidung lautet: Was ist bereits passiert, und was sagt etwas über die Zukunft? Die BME-Logistikumfrage 2020 nennt als von Teilnehmern genutzte lieferantenseitige Frühwarnindikatoren unter anderem Lieferverzug, Lieferausfälle, Qualitätsabweichungen, Kapazität sowie Wirtschafts- und Bonitätsauskünfte. Der Bericht bewertet diese Liste zugleich kritisch: Häufig werden Kenngrößen genannt, die ex-post auf einen Sachverhalt hinweisen, sodass Risiken bereits realisiert sind und nicht mehr proaktiv behandelt werden können.

Vergleichstabelle trennt eingetretene Belege von prognosefähigen Frühwarnsignalen (Wie bewerten Sie Lieferantenrisiken im Beschaffungsnetz?)
Die Gegenüberstellung zeigt, welche Beobachtung nur belegt und welche wirklich vorausschauend ist. Image: Lieferkettenbuch

Für die eigene Bewertung bedeutet das: Ein Lieferverzug ist ein Beleg, kein Frühwarnsignal. Er zeigt, dass ein Risiko eingetreten ist. Ein Signal mit Prognosewert liegt dagegen vor, wenn es eine Ursache beschreibt, die sich noch entwickeln kann, etwa eine sinkende verfügbare Kapazität, ein offener Widerspruch zwischen zugesagter und tatsächlicher Auslastung oder eine fehlende Transparenz über Vorlieferanten.

Ordnen Sie jede Beobachtung einer von drei Kategorien zu:

  1. Belegte Abweichungeingetreten, sofort zu behandeln.
  2. Schwaches Signalunbestätigt, mit einer prüfbaren Rückfrage zu verbinden.
  3. Prognoseaus Modell oder Marktbeobachtung abgeleitet, mit Annahmen zu dokumentieren.

Diese Dreiteilung verhindert den häufigsten Denkfehler: ein bereits eingetretenes Problem als Frühwarnung zu verbuchen und deshalb zu spät zu handeln.

Auswirkungen und gemeinsame Abhängigkeiten bewerten

Nun verbinden Sie Signal und Wirkung. Der BME-Leitfaden zum strategischen Lieferantenmanagement vom November 2017 empfiehlt, Lieferanten transparent, offen und objektiv nach einheitlichen Kriterien zu bewerten und dabei neben dem Einkauf auch Fach- und Qualitätsabteilungen einzubeziehen; klassischerweise werden Kosten, Qualität, Zeit und Potenziale betrachtet. In seinem Bewertungsbogen nennt der Leitfaden unter anderem Termintreue, Versorgungspflicht, Planungs- und Kostensicherheit, Haftungsrisiken sowie Brand- und Hochwasserschutz. Diese Punkte lassen sich direkt als Zeilen in ein Risikoraster übertragen.

Balkendiagramm zur Risikoabdeckung von Lieferanten- und Kundenstufen (Wie bewerten Sie Lieferantenrisiken im Beschaffungsnetz?)
Die Zahlen von 2020 zeigen, dass gemeinsame Vorstufen und die Kundenseite selten erfasst werden. Image: Lieferkettenbuch

Entscheidend ist die Auswirkung auf Ihr eigenes Netz, nicht die abstrakte Größe des Lieferanten. Ein kleiner Zulieferer an einer schwer ersetzbaren Vorstufe kann kritischer sein als ein großer Lieferant mit drei Alternativen. Die BME-Logistikumfrage 2020 berichtet, dass bei mehr als 70 Prozent der teilnehmenden Unternehmen die erste Lieferantenstufe durch das Risikomanagement abgedeckt ist, die zweite Lieferantenstufe und die erste Kundenstufe dagegen nur bei jeweils rund 40 Prozent. Die Quelle datiert auf Oktober 2020 und beschreibt damalige Teilnehmerangaben, keinen heutigen Branchenstandard.

Eine historische Unternehmensauskunft aus derselben Erhebung zeigt die Richtung: Tobias Beck von der Uhlmann Group Holding berichtete 2020, das Thema zweite Bezugsquelle habe hohe Bedeutung, und Abhängigkeiten hätten sich nach eigener Darstellung zum Großteil auflösen lassen. Das ist eine Selbstauskunft zum damaligen Stand, kein Nachweis heutiger Lieferfähigkeit und keine Empfehlung, Abhängigkeiten pauschal als gelöst zu betrachten.

Das folgende Raster ist ein eigenes Arbeitsmittel, kein Standard und keine Norm. Es bündelt die genannten Kriterien in sechs Spalten.

StandortVorgelagerte AbhängigkeitAuswirkung (1 bis 5)BelegkonfidenzVerantwortlicherAktion
Werk Nord, 1 ZuliefererEin Vorlieferant für ein Bauteil5Niedrig: Abhängigkeit nur vermutetEinkauf Kategorie AVorlieferanten schriftlich abfragen
Werk Süd, 2 ZuliefererGemeinsamer Hafen3Mittel: Logistikdaten vorhandenDispositionAlternative Route prüfen
Dienstleister OstKeine Vorstufe bekannt2Hoch: Vertrag und Zusagen belegtEinkauf ServiceStandardprüfung

Die Spalte Belegkonfidenz ist hier bewusst qualitativ gefüllt, nicht als gemessene Wahrscheinlichkeit. Sie sagt aus, wie belastbar die Zeile ist, und steuert den Aufwand für die Prüfung.

Maßnahmen, Schwellenwerte und erneute Prüfung festlegen

Definieren Sie vorab, welche Kombination aus Auswirkung und Belegkonfidenz welche Reaktion auslöst. Ein Beispiel, ausdrücklich als eigene Setzung und nicht als Regel: Auswirkung 5 bei niedriger oder mittlerer Konfidenz löst innerhalb von zehn Arbeitstagen eine Prüfung und einen Alternativvorschlag aus. Auswirkung 3 bis 4 bei niedriger Konfidenz führt zu einer gezielten Rückfrage. Auswirkung 1 bis 2 bleibt in der Standardbeobachtung. Solche Schwellenwerte sind unternehmensspezifisch; die Quellen liefern keine allgemein gültigen Grenzen.

Entscheidungsbaum verknüpft Auswirkung und Konfidenz mit konkreten Reaktionen (Wie bewerten Sie Lieferantenrisiken im Beschaffungsnetz?)
So wird aus Auswirkung und Belegkonfidenz eine nachvollziehbare Eskalationsregel. Image: Lieferkettenbuch

Für die Eskalation gilt: Jede Zeile braucht einen Verantwortlichen und eine Aktion mit Termin. Der BME-Leitfaden von 2017 nennt als mögliche Einzelmaßnahmen unter anderem regelmäßiges Lieferanten-Scoring, das Einholen einer Finanzauskunft, eine jährliche Risikobetrachtung als definierten Prozess, warengruppenbezogenes Risikomanagement, Priorisierung der Risiken, einen Maßnahmenkatalog, Szenarioanalysen sowie die Prüfung von Second-Source-Möglichkeiten. Die jährliche Betrachtung ist dort ein Beispiel für einen möglichen Rhythmus, keine rechtliche Vorgabe.

Auch die Prüffrequenz ist eine eigene Abwägung. Die BME-Logistikumfrage 2020 erläutert, dass ein kurzer Turnus Risiken früher sichtbar macht, aber den administrativen Aufwand erhöht. In der damaligen Befragung war bei einem Drittel der Teilnehmer ein jährlicher Turnus implementiert, und ein weiteres Viertel führte das Risikomanagement häufiger als einmal pro Quartal durch. Diese Anteile beschreiben die Erhebung von 2020, nicht eine Empfehlung.

Für die Alternative gilt eine nüchterne Regel: Eine zweite Quelle ist nur dann eine zweite Quelle, wenn sie nicht dieselbe Vorstufe, denselben Standort oder dasselbe Werkzeug nutzt. Prüfen Sie vor dem Aufbau zuerst den vorgelagerten Pfad, dann die Anlaufzeit, dann die Testphase. Erwarten Sie nicht, dass ein Wechsel sofort lieferfähig ist.

Zum Abschluss jeder Runde aktualisieren Sie die Spalten Belegkonfidenz und Aktion. Was als schwaches Signal begann und sich bestätigt hat, wird zur belegten Abweichung. Was sich nicht bestätigt hat, wird geschlossen, nicht gelöscht, damit die Entscheidung nachvollziehbar bleibt.

Häufige Fragen

Was unterscheidet ein Frühwarnsignal von einem bereits eingetretenen Risiko?
Ein Frühwarnsignal soll kritische Planabweichungen frühzeitig vorhersagen. Die BME-Logistikumfrage 2020 hält fest, dass viele der von Teilnehmern genannten Kennzahlen dies nicht leisten, weil sie ex-post auf einen bereits eingetretenen Sachverhalt hinweisen. Ein Lieferverzug ist deshalb ein Beleg, kein vorausschauendes Signal.
Wie oft sollte ich das Lieferantenrisiko prüfen?
Das hängt von Auswirkung und Konfidenz ab. Die BME-Logistikumfrage 2020 beschreibt den Zielkonflikt zwischen früher Erkennung und Verwaltungsaufwand und berichtet für 2020, dass ein Drittel der Teilnehmer jährlich und ein weiteres Viertel häufiger als einmal pro Quartal prüfte. Eine allgemein vorgeschriebene Frist lässt sich daraus nicht ableiten.
Reicht die erste Lieferantenstufe für eine Bewertung aus?
Nein, sie ist eine Mindestanforderung. Nach der BME-Logistikumfrage 2020 konzentrierte sich die Abdeckung vor allem auf die erste Lieferantenstufe, während die zweite Lieferantenstufe und die erste Kundenstufe seltener erfasst wurden. Gerade gemeinsame Vorstufen bleiben ohne diesen Blick verborgen.

In diesem Leitfaden

  1. Fünf Warnsignale im Einkauf erfassen und richtig einordnenFünf Warnsignale im Einkauf erkennen: Lieferverzug, Kommunikationsstille, Qualitätsabweichung, Finanzsignale und fehlende Transparenz bei Vorlieferanten einordnen.
  2. Lieferantenbesuch: Was das Reinhausen-Beispiel über Risikoprüfung zeigtLieferantenbesuch ohne Zertifizierungsaudit planen: Fragen zu Standort, Bonität und zugesagten Maßnahmen aus dem Reinhausen-Beispiel ableiten.
  3. Einen Zweitlieferanten anhand von Abhängigkeiten und Anlaufbedarf prüfenZweitlieferant aufbauen: So prüfen Sie gemeinsame Vorstufen, Standortnähe, Werkzeugabhängigkeit und Anlaufzeit, ohne den Bestandslieferanten zu verprellen.
  4. Wie übergeben Sie ein Risikoregister mit offenen Maßnahmen?Risikoregister Einkauf übergeben: Felder, Belege, Termine und Eskalation so dokumentieren, dass Vertretung und Kollegen offene Maßnahmen nachvollziehen.

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